AUTOR

Was ich außer Romanen noch schreibe.

Theater

Ein paar Stücke von mir, die in Regensburg aufgeführt wurden.

HITLER MUSS WEINEN

(2015)

 

Chronik der ersten zwei Verhandlungsjahre des NSU Prozesses.

 

"Ein Staat kann nur so viel. Ein Prozess kann nur so viel. Ein Mensch kann."

WARUM IST DIE BANANE GRIMM?

(2012)

 

Der Ursprung des Grimmatoriums! In diesem turbulenten Stück zum 100-jährigen Grimm Jubiläum entstanden die Figuren, die heutzutage den grimmschen Haushalt bevölkern.

Kurzgeschichten

Habe ich natürlich so einige geschrieben, aber hier ist eine von 2013, die ich heute noch ganz OK finde...

 

 

Angstzustand

 

 

Lichtertanz.

Lichterstadt.

Firlefanz.

Und Lichter satt.

 

Wir saßen auf den Hügeln über der Stadt und blickten hinunter auf das Lichtermeer, das dort in der Nacht wogte. Lisa hatte ihren Kopf an meine Schulter gelegt, und ich meinen Arm um sie, während Mark sich einfach mitten auf der Wiese ausgebreitet hatte, Arme und Beine ausgestreckt, als wollte er den Mond umarmen. Ben saß an einen Baumstamm gelehnt. Alle zusammen blickten wir hinunter und beobachteten das Leben, das dort stattfand, während hier oben die Zeit still stand, sich nichts bewegte, nicht einmal ein Blatt im Wind. Die einzigen Geräusche kamen von den Autos, die wie kleine Spielzeuge unten durch die Nacht rollten, von Licht zu Schatten, zu Licht, zu Schatten, zu Licht, zu Schatten. Wir waren am Ende, alle kurz davor einzuschlafen. Hinter uns stand mein Wagen, den ich schon seit heute Morgen nicht mehr hätte fahren dürfen, denn seitdem hatten wir Party gemacht, den ganzen Tag und die ganze Nacht, hatten gefeiert, dass wir endlich unser Abitur hatten, endlich die Schule geschafft. Wir hatten gefeiert, dass wir jetzt endlich frei waren.

„Was machen wir morgen?“, fragte Ben irgendwann.

„Keine Ahnung.“, antwortete ich.

Wir schwiegen wieder und schauten auf die Stadt, die flimmernden, flirrenden Lichter, die vielen Straßenlaternen, den beleuchteten Dom, die großen Einkaufszentren, die jetzt ausgestorben und ruhig da lagen, wie riesige schlafende Tiere.

„Spürt ihr, wie die Welt sich dreht?“, fragte Mark einfach in die Runde.

Wir machten die Augen zu und lauschten, spürten. Drehten uns mit, einmal im Kreis, eine Runde und noch eine, die dritte zum halben Preis. Einatmen, ausatmen. Ich fühlte, wie Lisas Kopf langsam von meiner Schulter auf meinen Bauch rutschte, liegenblieb und sich im Rhythmus meines Atems hob und senkte. Ich strich ganz sanft mit meiner Hand über ihren nackten Arm und sah den feinen Härchen zu, wie sie sich aufstellten, wie die Gänsehaut meinem Finger folgte.

„Spürt ihr’s?“, fragte Mark nochmal.

Wir spürten es.

„Ich hasse die Welt dafür.“

Damit setzte Mark sich plötzlich auf, sah hinunter auf die Stadt und blieb so wie in Trance sitzen. Die Stadt leuchtet, der Dom, die Brücken, darunter der schwarze Fluss wie Teer, der unerbittlich weiter floss.

„Ich liebe sie dafür.“, sagte Ben nach einer Weile, „Die Welt darf niemals aufhören, sich zu drehen. Dann würde ich sterben.“

„Du stirbst sowieso.“, brummte Mark.

„Aber die Welt dreht sich weiter. Das Universum dehnt sich weiter aus. Und selbst wenn ich sterbe bleibt alles in Bewegung, der Stillstand hat keine Chance. Es geht immer weiter. Immer, immer weiter.“

Sein Blick ging nach oben in den Sternenhimmel, verträumt und unendlich weit weg. Lisa klammerte sich an mir fest, dass mir die Luft weg blieb. Ich versuchte zu atmen, aber es ging nicht, also klammerte ich zurück.

„Spürst du, wie die Welt sich dreht?“, fragte Mark erneut in Richtung Ben, „Weißt du, wo sie dich hindreht?“

„Nein.“, sagte Ben, „Aber was soll’s?“

„Ich weiß es.“, meinte Mark.

Damit starrte er wieder hinunter auf die Stadt, saß klein, zusammengedrückt. Lisa kuschelte sich immer mehr an mich und ich spürte ihre Wange auf meiner, fand ihre Lippen mit meinen und küsste sie innig. Sie lag halb auf mir und forderte meine Zunge zum Tanz auf, und wir tanzten, minutenlang, dann schlief sie auf meiner Brust ein, ruhig und friedlich wie ein kleines Kind.

„Schauen wir uns den Sonnenaufgang noch an?“, wollte ich wissen.

„Klar.“, antworteten Mark und Ben fast unisono.

Ich schob mich unter Lisa hervor, ganz vorsichtig, damit sie nicht aufwachte, und ging dann zu den Beiden. Zu dritt setzten wir uns mitten auf die Wiese, kurz bevor sie steil nach unten abknickte, und betrachteten die Stadt, in der wir die letzten Jahre unserer jungen Leben verbracht hatten.

„Bleiben wir eigentlich in Kontakt?“, fragte ich.

„Auf jeden Fall.“, antwortete Ben.

„Na klar, wieso nicht?“, meinte Mark.

„Ich meine, bleiben wir wirklich in Kontakt?“, wiederholte ich die Frage.

Die Beiden schwiegen.

„Du und Lisa?“, fragte Ben dann.

„Keine Ahnung.“, antwortete ich, „Heute Nacht schon.“

Schweigen. Die Stadt war ganz ruhig, als wollte sie uns nicht stören.

„Ich habe mit Ina Schluss gemacht.“, sagte Mark mit emotionsentleerter Stimme.

„Konsequent.“, meinte Ben.

„Die Erde dreht uns in verschiedene Richtungen. Wahrscheinlich habe ich sie bald vergessen.“

Eine Träne rollte langsam an seiner Wange hinunter, legte einen kleinen Slalom zwischen den Sommersprossen hin, verharrte am Kinn, um dann wie in Zeitlupe langsam auf das nachtfeuchte Gras zu tropfen. Seine Augen waren auf einen Punkt weit in der Ferne gerichtet, den niemand bestimmen und den nur er sehen konnte.

„Wir waren an der Donau, an unserem Lieblingsplatz.“, meinte er mit zittriger Stimme.

Die Stadt war still, der Wind verharrte. Selbst die Zeit versuchte, möglichst leise weiter zu laufen.

„Spürt ihr, wie sich die Erde dreht?“, fragte Mark dann wieder, „Ich hasse es. Ich hasse es so sehr.“

„Ach halt doch die Klappe!“, rief Ben plötzlich laut, „Du hasst es, ich hasse es, jeder hasst es! Die Zeit tickt weg und ich weiß nicht mal, was ich mit ihr anfangen soll. Verdammt, du hast wenigstens ein Ziel, aber ich – ich häng einfach nur so rum!“

Er war aufgesprungen und packte einen großen Ast, der im Gras lag, hob ihn hoch und schlug ihn mit aller Kraft wieder und wieder auf den Boden, dass er laut knackend mehrmals brach und die Holzsplitter durch die Luft flogen. Lisa schreckte aus dem Schlaf hoch und sah Ben angsterfüllt an, als dieser schwer atmend da stand.

„Scheiße!“, rief er und warf den Rest des Astes mit aller Kraft den Hang hinunter, „Das hat Spaß gemacht.“

Er nahm einen weiteren Ast und warf ihn, und noch einen und noch einen. Wir sprangen auf und warfen mit ihm, und schrien laut dabei. Unter uns loderte das Lichterinferno und wir legten nach. Lisa kam herüber und stellte sich zu uns, sah traurig auf die brennende Stadt hinunter, auf das schlafende Leben, das langsam in der Nacht verglühte wie ein sterbender Stern. Und wir warfen einen Ast um den anderen, bis wir nicht mehr konnten und lachend zu Boden fielen, uns herum kugelten, dabei kaum noch Luft bekamen. Uns irgendwann wieder langsam beruhigten, aufsetzten, bis der Blick eines Jeden von uns wieder ziellos zwischen den Sternen verschwand. Bis auf meinen. Der verharrte auf der Stadt, auf den in orangenes Straßenlaternenlicht getauchten Straßen, den dunklen Häusern und den Lichtern der Autos. Ich war schon immer gerne hier oben gewesen. Man konnte das Leben beobachten ohne teilnehmen zu müssen, konnte darüber nachdenken, ohne anwesend zu sein. Die Hochhäuser von Königswiesen konnten verschmelzen mit dem Donaustrand, die Universität um den Dom tanzen, die Brücken waren die Adern und die Altstadt das Herz, das Menschen hinein und hinaus pumpte, die Stadt ein einziges großes Lebewesen, in dessen Adern und Organen die Menschen hin und her flossen, in Bussen, Autos, Zügen. In meiner Fantasie wurde die Stadt mehr als sie war, wenn ich sie von hier aus betrachtete. Es war ein erhebendes Gefühl, das mich an diesem Ort sonst erfüllte. Nur nicht heute. Heute erfüllte mich nichts.

Ich fühlte mich einfach nur leer.

Über uns wurde der Himmel langsam heller, schwarz wurde zu grau, wie das Meer am Morgen. Der Sonnenaufgang rückte näher, aber noch war der große rote Feuerball noch nicht zu sehen. Wir waren allein hier oben, jeder für sich, ganz allein.

Ich stand auf.

„Fahren wir zurück?“

Mark und Ben gingen wortlos zum Wagen, nur Lisa blieb sitzen. Sie drehte mir den Rücken zu, das Gesicht dem leicht schimmernden Horizont zugewandt, und ich überlegte, ob ich mich zu ihr setzten sollte, ihr den Arm um die Schultern legen und mit ihr zusammen warten, bis die ersten Strahlen unsere Nasen kitzelten, uns erwärmten, während sie uns den neuen Morgen brachten.

„Ich warte auf den Sonnenaufgang.“, sagte sie.

Ich wartete noch einen Moment, dann drehte ich mich um und ging mit den Anderen zum Auto. Wir stiegen ein, der Motor startete, ich wendete, und wir fuhren die Straße zurück, die wir gekommen waren, über den Hügel, hinein in den Wald.

 

Lichtertanz.

Lichterschmaus.

Firlefanz.

Und Lichter aus.

 

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© Ralph Mönius. Alles Grimmtorium-Artwork von Lisa Liepelt. Grimmatorium-Musik von Vien-Ha Nguyen. Alle anderen Bild-, Ton- und Textrechte liegen, sofern nicht anders ausgezeichnet, bei Ralph Mönius.